Das Geheimnis des japanischen Bestsellers

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Jahrelang war der Toyota Prius das meistverkaufte Auto Japans – bis jetzt. Die neue Nummer eins heißt Nissan Note, dank innovativer Antriebstechnik. Kommt der Wagen auch zu uns?


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Nissan

Aus Tokio berichtet Tom Grünweg

Tom Grünweg

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Donnerstag, 21.06.2018  
04:35 Uhr

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45.569 und 36.459 – das sind zwei Zahlen, die sich Nic Maxfield auf der Zunge zergehen lässt. Er ist Sprecher von Nissan und kann es kaum fassen. Beide Ergebnisse stehen für Neuwagenzulassungen in Japan im ersten Quartal, die erste Zahl sind verkaufte Nissan Note, die zweite Toyota-Prius-Verkäufe. Nissan vor Toyota – eine faustdicke Überraschung, führte doch der Hybrid-Pionier die Statistik in der Heimat seit Jahr und Tag an.

Dass Nissan den Champion nun gestürzt hat, mag auch an dem gelungenen Raumkonzept des Note liegen. Mit seinen 4,10 Metern bietet der Van auf kleiner Fläche ungewöhnlich viel Platz. Im Vergleich zum Prius ist der Nissan fast schon spektakulär schön gezeichnet, der Wendekreis ist klein und viele Ausstattungsmerkmale witzig – wie beispielsweise der Rückspiegel, dessen Spiegelglas auf Knopfdruck zum Kamerabildschirm mutiert. Oder ein Navigationssystem, das im Stau auch das Fernsehbild anzeigt. Doch der Erfolg des Note ist bisher auf wenige Märkte beschränkt, in Europa hat Nissan den Wagen erst jüngst aus dem Programm genommen.

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Nissan Note ePower:
Der kleine Kaiser

Vielleicht rührt die Beliebtheit in Japan daher, dass der Note dort – anders als in anderen Ländern – wie der Prius als Hybridauto angeboten wird. Doch Hybrid ist nicht gleich Hybrid. Nissan kombiniert Verbrennungsmotor und E-Maschine nach einem anderen Prinzip als die Konkurrenz: Während bei Toyota beide Aggregate für Vortrieb sorgen, das Kennzeichen eines Parallel-Hybrids, ist der Nissan ein sogenannter serieller Hybrid. Der Note überlässt nämlich die Arbeit an der Achse allein der E-Maschine, eine mechanische Verbindung des Benziners zu den Rädern gibt es nicht. Damit kommt der Note einem Elektroauto schon ziemlich nahe.

Der 1,2 Liter große Verbrennungsmotor (79 PS) ist lediglich dazu da, einen Generator spritsparend anzutreiben. Dieser wiederum lädt die Batterie, welche den E-Motor mit Strom versorgt. Insgesamt kann der Note ePower eine Leistung von 109 PS abrufen.

Nissan weist weder Sprintwerte noch ein Höchsttempo aus

Zumindest beim Anfahren – und das muss man in einer ständig vom Stau gelähmten Stadt wie Tokio ziemlich oft – surrt der Nissan mit der Stille der Stromer davon und erweist sich dabei als überraschend antrittsstark. Wer das Fahrverhalten beeinflussen will, kann zwischen drei unterschiedlichen Fahrprofilen wählen, die entweder mehr das Sparen oder das Spurten in den Vordergrund stellen. Wobei man das mit dem Spurten nicht überbewerten darf, denn Nissan weist weder Sprintwerte noch ein Höchsttempo aus.

Beim Fahren ist der Note dem Prius näher als dem vollelektrischen Leaf. Die allermeiste Zeit ist eben doch ein Motor zu hören. Durch den Verbrenner – und das ist das Gute – beträgt die Reichweite rund 1300 statt 378 Kilometer. Wenn es um den Verbrauch geht, schlägt der Note den Prius deutlich: 2,7 Liter gibt Nissan als offiziellen Wert an, etwa einen Liter weniger als beim bisherigen Prius. Mit konventionellen Motoren lassen sich solche Werte ohnehin kaum erreichen. So braucht der Note mit dem gleichen Motor ohne elektrische Komponenten knapp zwei Liter mehr – und ist dabei noch 130 Kilo leichter.

Was aber im Spannungsfeld zwischen konventionellen Hybriden wie dem Prius und reinen Elektroautos wie dem Leaf für den Note spricht, sind die Kosten: Der Akku ist deutlich kleiner als bei einem reinen Stromer und die E-Maschine aus der ersten Leaf-Generation ist mittlerweile längst abgeschrieben. So konnte Nissan den Preis des Note ePower auf umgerechnet 14.000 Euro drücken. Das sind zwar 25 Prozent mehr, als der reine Benziner kostet. Doch im Vergleich zum Toyota Prius spart man etwa 5000 Euro, für einen Leaf müssen Kunden sogar 10.000 Euro mehr bezahlen.

“Der große Erfolg in Japan hat uns neugierig gemacht”

Natürlich passt das antrittsstarke, aber dann mit zunehmender Geschwindigkeit eher zähe Fahrgefühl der ePower-Technik besser zum japanischen Verkehrsfluss als zum deutschen Kampf und Krampf auf der Straße. Doch angesichts zunehmend strenger werdender CO2-Vorgaben, einer erodierenden Dieselnachfrage und eines eher schleppenden Anstiegs der reinen Elektro-Zulassungen schauen die Verantwortlichen in der deutschen Nissan-Zentrale in Brühl mittlerweile neidisch nach Tokio: “Der große Erfolg in Japan hat uns neugierig gemacht”, sagt Pressesprecher Oliver Franz. Er bestätigt, dass die Japaner derzeit intensiv prüfen, ob diese Antriebskombination auch für den europäischen Markt infrage kommt.

Die Chancen dafür dürften gerade noch einmal deutlich gestiegen sein. Denn vor Kurzem hat Nissan angekündigt, bis 2022 mit jedem Modellwechsel den Diesel schrittweise aus dem Programm zu nehmen.

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