Die Weltenbrummler

Reinsetzen und losfahren – es gibt Menschen, die leben das ganz extrem aus. Ihnen und ihren teils unglaublichen Weltreisemobilen setzt ein neues Buch nun ein Denkmal. Achtung: Könnte verlockend wirken!


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Gestalten 2018

Von Matthias Kriegel

Samstag, 10.03.2018  
07:38 Uhr

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Mit einem Porsche 944, der auf dem Dach ein Zelt trägt, durch die Wüste fahren? Das klingt verrückt, und das ist es auch. Ben Coombs, Brite und der Exzentrik durchaus zugeneigt, hat genau das umgesetzt. Anstatt seinen maroden Porsche 944, Baujahr 1985, zu verkaufen, entschied er sich für einen unkonventionellen Weg, dem Auto den Rest zu geben. Er machte sich auf den Weg von Plymouth nach Kapstadt: 20.000 Kilometer, 62 Tage, 26 Länder, 28 Pannen.

Von Leuten wie Coombs und ihren Autos erzählt das neue Buch “Hit the Road – Vans, Nomaden und Abenteuer”. 270 Seiten voller spannender Geschichten, exotischer Bilder und vor allem: individueller Wohnlösungen. Vom Porsche bis zum Unimog – leben lässt sich eigentlich in oder auf jedem Auto.

Das Buch ist Bildband und Reiseliteratur zugleich. Und das Vorwort von Reiseschriftsteller Chris Scott kann auch gleich als Prolog für eigene Reisepläne gelesen werden. Wo soll es hingehen? Mit welchem Auto? Wie sieht die optimale Vorbereitung aus? Welche Probleme sind zu erwarten? Experte Scott weiß Bescheid – und hat eine Menge Tipps.

Werkzeug an Bord kann nie schaden

Auf den folgenden 270 Seiten sind dann 37 Porträts von Autos und Abenteurern versammelt, die aus dem Alltag ausbrechen und sich dem Leben auf der Straße verschreiben. Von Menschen wie Ben Coombs aus Großbritannien, Maria und Henri Vanonen aus Finnland oder Selina Mei und Frank Stoll aus Deutschland. Ob acht Monate alleine in einem Toyota Previa oder sechs Jahre mit der vierköpfigen Familie im Land Rover Defender; 30.000 Kilometer im Honda Element oder 260.000 Kilometer mit dem klassischen VW T4 – wer sich für ein Nomadenleben entscheidet, braucht mehr als Abenteuerlust. Das richtige Auto, passendes Werkzeug und die nötige Expertise können schnell zum entscheidenden Faktor werden.

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Buch über Roadtrips:
Motorisierte Nomaden

“Innerhalb von 3000 Tagen musste ich meinen Werkzeugkoffer genau 1667 Mal auspacken, die Motorhaube öffnen und an defekten Teilen herumschrauben”, berichtet beispielsweise der Deutschamerikaner Christopher Many, der mittlerweile mehr als 200.000 Kilometer mit seinem Land Rover Series III, Baujahr 1975, abgespult hat. Er ist wahrscheinlich der extremste Nomade, den das Buch zu bieten hat. Zunächst 1997 mit einem Motorrad – einer Yamaha Ténéré XTZ 660 – von Deutschland nach Neuseeland aufgebrochen, sattelte er 2002 um und war acht Jahre mit dem Land Rover unterwegs.

700 Pfund für das perfekte Reisemobil

Den britischen Geländewagen konnte Many 2002 bei einem Schafzüchter in den schottischen Highlands ergattern, für 700 Pfund. Der Zustand war mangelhaft. In Eigenregie reparierte er sich durchs Auto und baute den Geländewagen zur fahrbaren Wohnung um. Kochnische, Klappbett und Herd sowie eine Dacherweiterung, ein Seitenfenster und drei weitere Sprittanks kamen hinzu.

Dass “Mathilda”, wie Many seinen Land Rover liebevoll nennt, auch mal zickig sein kann, dass in Chile die Lenkung blockierte oder der Wagen in Namibia umkippte, das gehöre eben dazu. Die ganz normalen Herausforderungen seines Alltags. Denn für Many ist das Unterwegssein Alltag. “Eine Familie gründen, das wäre ein Abenteuer”, sagt der Dauerweltenbummler.

Nomaden-Neulinge hingegen sind Amanda Winther und Matt Swartz aus San Francisco, USA, mit ihrem Clark Cortez, Baujahr 1964. 2016 entdeckten die beiden das Oldtimer-Wohnmobil auf einer Farm zum Verkauf – und schlugen zu. Allein schon, weil der Clark Cortez eine Rarität ist. Zwischen 1963 und 1979 wurde das Modell von der Gabelstaplerfabrik Clark in Michigan gebaut, Stückzahl: 3211. Um den Seltenheitswert richtig in Szene setzen zu können, musste Einiges restauriert werden. Neuer Boden, neues Bett, neue Küche sowie eine Generalüberholung von Stromversorgung und Sanitäranlagen waren nötig. Auch eine Solaranlage, mit deren Hilfe das Paar bis zu zwei Wochen völlig autark leben kann, wurde installiert. Nach sechs Monaten konnte es dann losgehen. Der 3,6-Tonner mit Frontantrieb und Chrysler-Reihensechszylinder-Motor (145 PS) war fahr- und wohnbereit. Nun sind Amanda und Matt seit einem Jahr unterwegs – Ende nicht in Sicht.

Spannende Autos, abenteuerliche Geschichten und vor allem nützliche Tipps – beim Lesen von “Hit the Road” beginnt im Hinterkopf schon fast automatisch die Planung einer eigenen Reise. Aber Achtung: Fernweh ist vorprogrammiert.

Gestalten Verlag (Hrsg.): “Hit the Road – Vans, Nomaden, Abenteuer”. 2018. 270 Seiten. 35 Euro.

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